Exkursion der Klasse 9 zur Gedenkstätte ehemaliges Konzentrationslager Dachau
Am 9. Juni besuchten die Klassen 9 im Rahmen unserer Exkursion im Fach Geschichte die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Die geführten Rundgänge vermittelten Hintergründe zur Geschichte des Lagers, zum Überleben und Sterben der verschleppten Menschen, sowie zu Gewalt und Verbrechen der Täter.
Im Folgenden hat Leonie Pfefferkorn (9b) ihre Eindrücke an diesem historischen Lern- und Gedenkort literarisch verarbeitet:
3.895
3.895. So viele Sekunden dauert es, "The Wall" von Pink Floyd zu hören. Kopfhörer auf, Musik an – 3.895 Sekunden lang. Das sind eine Stunde, vier Minuten, fünfundfünfzig Sekunden der Freiheit. Eine Zeit, in der man alles um sich herum vergessen kann.
3.895. Das ist auch Häftling Nummer 3.895. Er durfte nichts vergessen. Am wenigsten diese Zahlen. Vielleicht war er schmächtig, gezeichnet von der Arbeit im Steinbruch. Vielleicht war er kräftig, ein Handwerker aus Berlin. Vielleicht hatte er eine Familie, deren Briefe ihn nie erreichen würden. Ein Neugeborenes, das seinen Vater nie kennenlernen wird, oder eine Frau, die vergebens auf ihn wartete. Er war ein Mensch. War. Ein Mensch, dessen Name ausgelöscht wurde, um durch diese vier Ziffern ersetzt zu werden.
3.895.
3.895 Tage. Sie reichen aus, um aus einem neugeborenen Säugling ein fast elfjähriges Kind zu machen. Elf Jahre. In dieser Spanne erlernt der Mensch das Sprechen, das Schreiben, das eigenständige Leben. Er feiert elf Geburtstage, elf Mal erlebt er den ersten Schnee und elf Mal erblickt er die ersten Sonnenstrahlen des Jahres.
Für Häftling Nummer 3.895 sind diese elf Jahre keine Zeit des Lernens und des Erlebens. Es sind elf Jahre der Folter, der nicht aufhörenden Qual. Es sind elf Jahre, in denen sich die Zeitrechnung wie Säure in seine Gedanken brennt.
Nach tausend Tagen konnte sein Kind wohl sprechen.
Nach zweitausend ging es wohl in die Schule.
Nach dreitausend war es wohl ein eigenständiger, wenn auch noch kleiner Mensch.
Doch es waren nicht seine Worte, die sein Kind da sprechen würde, und es wäre auch nicht seine Hand, die es an seinem ersten Schultag halten würde.
Das Leben schrumpft auf den nächsten Atemzug. Wenn man 3.895 Tage überleben will, darf man nicht an das Jahr denken. Man muss die nächste Minute überstehen. Und dann die nächste und die nächste.
Die Sekunden von "The Wall" mögen wohl in einer Stunde verfliegen. Doch die Tage im Lager, sie fraßen ein ganzes Leben.
3.895 Schläge des Herzens. Das ist eine Stunde. Eine Stunde, in der das Herz Blut durch den ganzen Körper pumpt. Es ist ein Akt des Lebens, der sich immer und immer wiederholt, bis zum bitteren Ende. Und mit Sicherheit schlug das Herz von Häftling Nummer 3.895 rasend schnell, wann immer er an sein Schicksal und das seiner Mithäftlinge dachte. Seine Zukunft war aussichtslos und es war nicht zu leugnen. Vielleicht zählte er sie, die 3.895 Schläge, die in seinen Ohren pochten, wann immer er zum Zählappell antreten musste.
Vielleicht wurden sie zu seinem Anker, der ihn am Boden des Verstandes hielt und davor bewahrte, dem Wahnsinn zu entschwinden. Vielleicht stimmten sie ihn hoffnungsvoll, denn sie bedeuteten, dass er am Leben war.
Oder aber sie waren, eben aus diesem Grund, eine schreckliche Erinnerung an sein nicht enden scheinendes Leid.
Keine SS-Männer, sondern Schulklassen und Touristen schreiten heute durch die einst so düsteren Gänge, wo ehemals das Grauen regierte, die Menschen unterwarf und ihrer Kräfte beraubte. Im Hof des Lagers, in dem vor Jahren Schreie der Angst und der Schmerzen die Ruhe wie Degen durchschnitten, sind es lockere Gespräche über Oberflächlichkeiten, die zu hören sind.
Auf dem Gras, auf dem vor Jahren unschuldige Menschen ihr Leben verloren, wachsen heute Blumen.
Es wirkt unschuldig.
Kaum vorstellbar ist es, dass an diesem Ort einst gemordet und gefoltert wurde.
Auf dem Gelände herrscht eine Stille, die fast schon friedlich wirkt. Doch die Stille ist zu laut. Sie brennt in den Ohren, in der Lunge, aber vor allem brennt sie im Herzen. 3.895 Schläge lang, immer und immer wieder.